Der Wanderer ist ein Buch-Projekt, die Bilder sollen die jeweilige Welt und Protagonisten darstellen. Den Anfang der Geschichte also die ersten drei Kapitel kann man auf meiner Homepage einsehen. Zusätzlich zu Hauptgeschichte, erscheinen kleine Spin-offs, sie sollen die Vorgeschichte der einzelnen Charaktere beleuchten.

Weitere Links zu den Kapiteln und Spin-Off:

Vates-Kapitel 1: http://corvusars.de/portfolio/vates/

Clavis-Kapitel 2: http://corvusars.de/portfolio/clavis/

Oya-Spin-Off 1: http://www.corvusars.de/portfolio/oya/

Vanth-Spin-Off 2: http://www.corvusars.de/portfolio/vanth/

Ensis Story

 

Nassau, 1717

 

Es ist eine kühle und dunkle Nacht, in der die Möwen am Himmel kreisen und ihre Lieder krächzen. Trotz der vorangeschrittenen Uhrzeit tummeln sich auf den nächtlichen Straßen noch allerlei finstere Gesellen. Die meisten unter ihnen sind wahrscheinlich Piraten, die monatelang auf See waren und heute das erste Mal wieder einen Fuß in ihre Heimatstadt setzen, um ausgelassen ihre Beute in den Bordellen und Spelunken der Stadt zu verpulvern. Lautstark ertönen ihre Lieder aus den mit Fackeln beleuchteten Tavernen. Überall wird gejohlt, getrunken und gelacht.

 

Nur eine Kleinigkeit will nicht so recht in das Bild passen.

 

Eine junge Frau läuft durch die schmutzigen Straßen und wirft dabei einige Männer und Frauen um. Sie wird von drei finster dreinblickenden Männer verfolgt, die wohl jeder auf den ersten Blick als Piraten identifizieren würde. Einer schreit ihr zu: „Bleib stehen, du Miststück!“, doch erntet er nur ein höhnisches Lachen von ihr.  Eine weiße Krähe begleitet die junge Frau und krächzt: „Ensis, war es jetzt wirklich nötig ihnen ihre hart erarbeitete Beute wieder abzunehmen und dich damit erneut in Schwierigkeiten zu bringen?“ Schon halb außer Atem antwortet die Diebin: „Ach Sollers, dass du auch wirklich jedes Mal deine Bedenken kund tun musst. Ich weiß, dass du klug bist und älter als so mancher Baum, aber manchmal muss man eben auch ein Risiko auf sich nehmen, um Erfolg zu haben. Und jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen. Irgendwie werden wir es auch dieses Mal schaffen.“ Ensis holte einmal tief Luft und fügte dann noch hinzu: „Und schließlich brauchen wir auch mal wieder eine anständige Mahlzeit und dieser Raubzug schien mir der beste Ausweg zu sein.“ Kopfschüttelnd gibt die Krähe nur ein leises, seufzendes Krächzen von sich. Ensis grinst.

 

Doch das Grinsen vergeht ihr schnell, als sie einen Blick nach hinten wirft und noch immer die fluchenden Piraten sieht, die ihnen bedrohlich näher kommen. In ihrer Panik ändert sie abrupt die Richtung und biegt, in der Hoffnung ihre Verfolger abschütteln zu können, in eine schmale Seitengasse ein. Zu ihrem Pech hat sich dort jedoch bereits ein weiterer Schläger positioniert, der ihr auflauert und versucht nach ihrem Hals zu schnappen. Geistesgegenwärtig beugt sie sich nach vorne, um unter seiner Attacke hindurch zu tauchen und so an ihm vorbei zu kommen. Ein winziger Moment der Schadenfreude zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, als der breit gebaute Kerl fluchend ins Leere fasst, doch so schnell wie es kam, vergeht es ihr auch wieder. Im letzten Augenblick bekommt der Pirat ihre blonden Haare zu fassen und reißt ihren Kopf brutal nach hinten. Ein lauter Schrei entweicht ihrer Kehle, doch der Schläger lacht nur und zieht sie an sich heran. „So, du kleines diebisches Miststück, jetzt werden wir viel Spaß…“ Weiter kommt er nicht, denn Sollers mischt sich ein und hackt ihm mit seinem scharfen Schnabel das linke Auge aus. Vor Schmerz lässt er seine Gefangene wieder frei und drückt schreiend seine Hand auf die leere Augenhöhle. Ensis verpasst ihm einen harten Tritt zwischen die Beine. „Das war für meine Haare!“ Dann ergreift sie wieder die Flucht, bevor die anderen drei sie erreichen. Kopfschüttelnd gibt die weiße Krähe ihren Kommentar ab: „Das war jetzt aber wirklich nicht mehr nötig, Ensis. War er denn nicht schon genug gestraft mit dem Auge, das ich ihm genommen habe?“ Die Diebin quittiert seine Frage mit einem verächtlichen Grinsen.

 

Ein paar Seitenstraßen und etliche Haken später haben die drei Piraten ihre Verfolgung aufgegeben und Ensis betritt den Hafen der karibischen Stadt. Der frühe Morgen ist ihre liebste Tageszeit und sein Anblick verschlägt ihr jedes Mal aufs Neue den Atem. Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne haben das Meer bereits wie ein rotes Tuch eingefärbt und sind nun dabei auch den schwebenden Inseln und Felsen, die wie Säulen aus dem Wasser steigen, ihre strahlende Farbe zu verpassen. Aber das, was sie am meisten am morgendlichen Hafen liebt, ist der Anblick der fliegenden Schiffe, die erst seit gut zwei Jahren die Weltmeere durchkreuzen.

 

Sie erinnert sich an die Zeitungen, die damals überall herum lagen und die reißerischen Schlagzeilen, in denen von einem äußerst gescheitem Wissenschaftler die  Rede war, der herausgefunden hat, dass auch herausgebrochene Felsstücke in der Lage waren zu schweben. Das hatte dem König so sehr gefallen, dass er weitere Forschungen in Auftrag gegeben hatte und besagtem Wissenschaftler war es bereits kurze Zeit später gelungen, eine Maschine zu entwickeln, die die natürliche Schwebekraft der Steine verstärken konnte. Diese Maschinen bilden seither das Herzstück aller Flugschiffe. Sie hatte damals noch nicht verstanden, was die Leute damit meinten, aber sie konnte sich noch lebhaft daran erinnern, wie es war, als die Piraten von dieser Geschichte Wind bekommen hatten. Im Auftrag Henry Everys, dem König der Piraten, hatten sie und die Crew nämlich solch eine Maschine gestohlen.

 

Tränen laufen ihr übers Gesicht, als sie an ihren Vater denken muss. Ihrem Vater, dem Piratenkönig, der heimtückisch von Blackbeard ermordet wurde. Sollers bemerkt ihre Tränen und krächzt: „Was ist los?“ „Nichts.“ antwortet Ensis und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Nur Erinnerungen.“ Die weiße Krähe versteht und versucht sie etwas aufzumuntern: „Wir schaffen das schon.“

 

Sie tritt aus dem Schatten und lässt das wärmende Licht der Morgensonne ihr Gesicht liebkosen. Dann öffnet sie den kleinen, roten Beutel, um ihre Beute zu begutachten. Ein Pfiff des Erstaunens entweicht ihren zart geschwungenen Lippen, als sie in den Leinenbeutel schaut und unzählige Diamanten, Rubine und Goldmünzen darin erblickt. Sie will gerade hinein greifen und eines der Stücke näher unter die Lupe nehmen, als eine Hand auf ihrer Schulter sie aus ihren morgendlichen Tagträumen reißt. Erschrocken entgleitet ihr der Beutel und landet klimpernd auf dem Boden, wo sich sein Inhalt wild verteilt. „Haben die Piraten mich jetzt doch noch eingeholt?“ denkt sie sich, greift nach dem Dolch in ihrem Gürtel und dreht sich blitzschnell in die Richtung ihres vermeintlichen Angreifers um. Doch wie überrascht ist die Diebin, als sie nicht in das sonnengegerbte Gesicht eines Piraten blickt, sondern in die feinen Züge einer hübschen Frau mit blondem Haar. Jene hebt abwehrend ihre Hände und spricht: „Es tut mir leid. Es lag nicht in meiner Absicht, euch zu erschrecken oder mich zwischen euch und eurem Schatz zu stellen. Aber wärt ihr so freundlich, mir zu verraten, wo ich mich befinde und welches Jahr wir haben?“ Verwundert mustert Ensis die fremdartig gekleidete Frau, bevor sie antwortet: „Nun, ihr befindet euch in Nassau und wir schreiben das Jahr 1717, aber…“ Bevor die Diebin weiter sprechen kann, fällt ihr die Frau ins Wort: „Verdammt, ich habe das falsche Jahr erwischt.“ „Wie meinen?“ Die Verwunderung Ensis‘ nimmt noch weiter zu, jedoch geht die seltsam Gekleidete nicht auf ihre Aussagen ein. Stattdessen fährt sie fort: „Naja, wie dem auch sei, ich spüre, dass du eine große Last mit dir herum trägst und ich könnte dich davon befreien.“ Ensis lacht spöttisch. „Aber das haben sie doch bereits getan.“, meint sie und deutet auf die wild am Boden liegenden Kostbarkeiten. Die Blonde sieht sich die Bescherung nur kurz an, schnippst dann mit den Fingern, während sie mit ihren glühenden Augen in das Gesicht der Diebin blickt und als hätte sie Leben in die Münzen und Steine gehaucht, beginnen diese zurück in den Beutel zu rollen.

 

Nachdem auch der letzte Edelstein seinen ursprünglichen Platz eingenommen hat, verschließt sich der Beutel wie von selbst und schwebt in die Hand der Zauberin. Völlig verdutzt verfolgt  Ensis das seltsame Schauspiel, doch bevor sie etwas dazu sagen kann, vernimmt sie die krächzende Stimme ihres Gefährten, der von einem Dach aus das Geschehen beobachtet hatte und nun zu ihr zurück fliegt, um es sich auf ihrer Schulter gemütlich zu machen. „Ich will ja eure Plauderei nicht unterbrechen, aber ich würde dir raten deine Beute zu nehmen und dann zu verschwinden. Diese Alte ist mir nicht geheuer.“ Die Angesprochene lacht nur, während die weiße Krähe sie misstrauisch im Auge behält und drückt Ensis den gestohlenen Beutel zurück in die Hand. „Oh, ich bin keineswegs böse, aber trotzdem habe ich es versäumt mich vorzustellen.“ Die Blonde verbeugt sich galant und spricht weiter: „Mein Name ist Vates und ich bin eine Hellseherin, die immer auf der Suche nach Menschen ist, die meine Hilfe gebrauchen können.“ „Wie sieht denn die Hilfe aus?“ fragt die Diebin, bevor Sollers seinen nächsten sarkastischen Kommentar abgeben kann, doch statt einer Antwort erhält sie nur das Grinsen der Alten, die ein weiteres Mal mit den Fingern schnippt und plötzlich einen Stapel silberner Tarotkarten in den Händen hält. „Meine Karten werden dir deinen größten Herzenswunsch erfüllen.“ Ein glitzerndes Funkeln macht sich in den braunen Augen der Jugendlichen breit. „Ich habe einen Wunsch, den ich schon sehr lange hege und zwar…“ Die Zauberin legt ihr den Zeigefinger auf die Lippen und gebietet ihr Schweigen. „Du musst deinen Wunsch nicht aussprechen. Meine Karten wissen ihn bereits.“

Fortsetzung folgt im Buch!

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