Der Wanderer ist ein Buch-Projekt, die Bilder sollen die jeweilige Welt und Protagonisten darstellen. Den Anfang der Geschichte also die ersten drei Kapitel kann man auf meiner Homepage einsehen. Zusätzlich zu Hauptgeschichte, erscheinen kleine Spin-offs, sie sollen die Vorgeschichte der einzelnen Charaktere beleuchten.

Weitere Links zu den Kapiteln und Spin-Off:

Clavis-Kapitel 2: http://corvusars.de/portfolio/clavis/

Ensis-Kapitel 3: http://corvusars.de/portfolio/ensis/

Oya-Spin-Off 1: http://www.corvusars.de/portfolio/oya/

Vanth-Spin-Off 2: http://www.corvusars.de/portfolio/vanth/

Vates Story

Wir schreiben das Jahr 1612.

 

Im Schein der späten Nachmittagssonne läuft ein schwarz gekleideter Wanderer durch die dreckigen Gassen eines größeren Fischerdorfes, über dessen Dächern unzählige Möwen kreischend ihre Runden drehen. Doch dem Wanderer können die heiseren Gesänge nur ein verächtliches Schnauben entziehen. „Diese elenden Ratten der Lüfte.“ Seitdem es ihn in dieses versiffte Kaff verschlagen hat, gehen ihm diese Viecher schon auf die Nerven.

 

Samuel, die Krähe, die ihm seit unzähligen Jahren schon als treuer Freund zur Seite steht, sitzt seelenruhig auf seiner Schulter und krallt sich in das schwere Leder seines nachtschwarzen Mantels. Fast schon zärtlich streichelt er seinem schwarzem Gefährten über das seidig glänzende Gefieder. „Oh Samuel, glaub mir, wenn Ich könnte, wie Ich wollte, dann würde Ich…“

 

Ein plötzlicher Knall und das Kreischen einer Frau unterbrechen seinen leisen Monolog. Reflexartig ergreift er das Heft seines Schwertes, während er sich den ungewöhnlichen Geräuschen zuwendet und erschrocken von dieser plötzlichen Bewegung flieht Samuel auf das nächstbeste Strohdach, um die Szenerie von dort aus weiter zu verfolgen. Eine junge Frau rennt schreiend auf den schwarzen Wanderer zu: „Hilfe, mein Mann ist…“, doch ehe sie den Satz beenden und er reagieren kann, geht sie vor seinen Augen in Flammen auf und fällt ihm brennend in die Arme. Doch obwohl die Sterbende wie Butter in der Sonne zu schmelzen beginnt, können die Feuerzungen ihm seltsamerweise nichts anhaben. Das kalte Feuer zehrt einzig an ihrem Körper, bringt erst ihre weißen Knochen zum Vorschein und verschlingt sie letztendlich ganz, bis sie ihm aus den Händen gleitet und nur noch ein Haufen kalten Staubes zu Boden geht. Und das letzte Wort, das er von der verbleichenden Seele vernimmt, ist: „Hell… seh… er… in…“

 

Fassungslos steht er nun vor dem Aschehaufen. Was war hier eben geschehen? Da bemerkt er etwas glänzendes in den staubigen Überresten der jungen Frau, schlingt den schwarzen Schal noch enger über Mund und Nase und bückt sich, um nach dem Glitzerding zu greifen. Eine silberne Tarotkarte kommt zum Vorschein, auf der unter dem skelettierten Antlitz des Todes in schwarzen Lettern ‚XIII – Mortem‘ prangt.

 

Die dreizehnte Karte. Der Tod. Seine Gedanken kreisen.

 

Er hört auf seinen Reisen viele Geschichten und nicht immer ist es offensichtlich, welche unter ihnen lediglich purer Aberglaube sind und in welchen doch ein Fünkchen Wahrheit steckt. Diese hier scheint wahr zu sein und deshalb versucht er sich zu erinnern.

 

Eine schäbige Spelunke. Der Abschaum der Stadt. Viel Wein und willige Frauen. Ein alter, blinder Greis, mit verfaulten Zähnen, der seine Märchen zum Besten gibt. Die Erinnerungen des schwarzen Wanderers sind trübe, doch erzählte nicht jener auch etwas von einer Wahrsagerin mit silbernen Tarotkarten?

 

Er kommt nicht dazu, seine Gedanken zu Ende zu bringen, denn plötzlich hört er Männer aus der Ferne brüllen: „Kommt alle her! Endlich haben wir den Bastard!“ Der schwarz Verhüllte, aus seinen Gedanken gerissen, blickt auf und erkennt in der Ferne die aufgebrachte Menschenmenge, die sich ihm bedrohlich mit Fackeln und Mistgabeln nähert. Fluchend macht er auf dem Absatz kehrt, pfeift seiner Krähe das Signal zum Aufbruch und beginnt durch die dunklen Gassen des Fischerdorfes zu rennen. Über Stock und Stein führt ihn seine Flucht, durch die eng stehenden Gebäude und abseits der belebten Hauptstraßen, bis ihm ein Heuwagen den Weg versperrt. Erneut dreht er sich um und sieht eine Leiter, die an der Häuserwand zu seiner rechten lehnt. Just in diesem Moment betritt einer seiner Verfolger die enge Gasse. „Hab ich Dich endlich, Bürschchen, dieses Mal entkommst Du mir nicht.“ Bedrohlich schlägt er mehrmals die rechte Faust in die offene linke Handfläche und kommt langsam näher. „Ich freue mich schon darauf, Dich am nächsten Baum aufzuknüpfen.“ Instinktiv springt der Wanderer auf die Sprossen der Leiter, als der grobschlächtige Kahlkopf in seine Richtung prescht und noch ehe jener ihn erreichen kann, hat er schon das Strohdach des Hauses betreten. Der wutschnaubende Bulle versucht es ihm zwar gleich zu tun, wird jedoch auf halber Höhe samt Leiter von dem schwarz Vermummten umgestoßen. „Zum Glück kann er das breite Grinsen hinter meinem Schal nicht erkennen.“ denkt sich der Maskierte, als der bullige Dorfbewohner mit rudernden Armen und laut schreiend zu Boden geht. Jedoch sind nun auch die anderen Dorfbewohner wieder auf ihn aufmerksam geworden und stürmen mit ihren Fackeln und Mistgabeln in seine Richtung

 

„Ich glaube, es wäre fatal, noch länger an diesem Ort hier zu verweilen.“ spricht der Wanderer zu sich selbst und flüchtet weiter über die gelben Dächer aus Stroh. Dabei reißt er sich den Schal vom Gesicht und ruft schnaufend nach seinem schwarzem Gefährten: „Samuel, sind sie noch in der Nähe?“ Und sein gefiederter Freund zieht einen großen Bogen über das Dorf, dessen Straßen bereits langsam im dunklen Blau des Nachthimmels verschwinden. „Du hast Glück“, krächzt jener, nachdem er seinen Kontrollflug beendet hat: „Heute wird dein Hintern nicht auf einem brennenden Scheiterhaufen landen. Die Dorfbewohner haben die Suche nach Dir aufgegeben.“ Das Krächzen der Krähe klingt nun wie das heisere Lachen eines alten Mannes: “Dabei hatte Ich mich schon auf einen fetten Braten gefreut.“ Völlig außer Atem lässt sich der Wanderer auf dem Dach des letzten Hauses nieder. „Ja, spotte nur, mein alter Federfreund, aber woher sollte Ich denn wissen, dass diese Frau gleich in Flammen aufgeht? Ich weiß ja, dass Ich ein heißer Typ bin, aber das…“ Erneut erklingt das Krächzen, dass in seinen Ohren klingt wie heiseres Gelächter. „Das stimmt, wissen können hättest Du es nicht, aber jeder, der noch bei klarem Verstand ist, hätte die Beine in die Hand genommen und zugesehen, dass er Land gewinnt, als sie in Flammen aufgegangen ist.“ Die Krähe lässt sich erneut auf seiner Schulter nieder und fügt hinzu: „Und wäre nicht wie ein Idiot mit angewurzelten Beinen noch stundenlang stehen geblieben.“

 

Der schwarze Wanderer will seinem vorlautem Begleiter gerade den Hals herumdrehen, als ihm etwas einfällt. Er zieht die silberne Tarotkarte aus seiner Manteltasche und dreht sie zwischen den Fingern. „Was sie wohl mit ‚Hellseherin‘ meinte?“

 

Nach einer Weile der Stille, in der er angestrengt in seinen Erinnerungen wühlt, ruft er, mehr zu sich selbst, als zu seinem geflügeltem Begleiter: „Die graue Hexe!“ Samuel, der schon halb im Schlafe liegt, schreckt auf und krächzt empört: „Was? Die graue Hexe? Ist das jetzt schon wieder eine deiner Bettgeschic…“ „Nein, nein, die graue Hexe! Verstehst Du denn nicht? Erinnere Dich an die Geschichte des Blinden, als wir in der Taverne „Zum alten Gaul“ gewesen waren.“ „Meinst Du den alten Tattergreis, der unentwegt wirres Zeug gestammelt und um Alkohol gebettelt hatte? Der Alte war doch nicht mehr ganz dicht in der Birne, aber ja, Ich kann mich erinnern. Die alte Hexe sollte angeblich in einem Waldstück hier ganz in der Nähe ihr Unwesen treiben und oh, nein, bitte sag mir jetzt nicht, dass Du…“ Doch noch ehe Samuel seinen Satz beenden kann, springt der schwarze Wanderer hinab auf die Straße und läuft den Weg entlang, der unweigerlich zu eben jenem Waldstück führt, das man gerade noch in der Dunkelheit erkennen kann. Fluchend folgt die Krähe ihrem Freund und gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur Hexe.

 

Samuel, der nach einer Weile das Schimpfen und Zetern aufgegeben hatte, hat es sich wieder auf der Schulter des schwarzen Wanderers gemütlich gemacht und genießt die abendliche Stille, die sich wie ein Schleier auf die Welt legt. Der volle Mond beleuchtet jeden ihrer Schritte, während sie die ersten winterkahlen Bäume passieren. Jedoch zeugt das Grün des Grases bereits davon, dass der Frühling nicht mehr lange auf sich warten lässt.

 

„Glücklicherweise“, geht es dem Wanderer durch den Kopf: „sind diese Wege gesichert durch die regelmäßigen Patrouillen der königlichen Ritter.“ Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war die Begegnung mit einem Troll, einem Geist oder einer Fee, also Wesen, die gerade nachts aus ihren Löchern kommen, um ihr Unwesen treiben. Und wir reden hier nicht von den lieblichen Feen, die Wünsche erfüllen, wie es die Barden so verträumt besingen, sondern von den echten Seelen raubenden  Monstern. Und jetzt, wo er darüber nachdenkt, war es vielleicht doch keine so gute Idee, um diese Uhrzeit in den ‚Wald des Todes‘, wie ihn die Dörfler liebevoll bezeichnen, gehen zu wollen.

 

Der Wald hatte seinen Namen dem Umstand zu verdanken, dass hier vor hunderten von Jahren ein gewaltiger Krieg tobte. Ein Krieg zwischen den Menschen und den Kreaturen der ewigen Nacht. Ein Krieg, der viele Opfer auf beiden Seiten forderte. Nur dummerweise blieben Geister, Gespenster und Irrlichter, so fern man sie denn als tot bezeichnen konnte, nicht tot und kehrten alle Jahre wieder zurück und einzig dem Orden der königlichen Ritter war es zu verdanken, dass die Kreaturen der Nacht mehr oder weniger im Zaum gehalten wurden und ’nur‘ gelegentlich Menschen spurlos verschwanden.

 

Zum Leidwesen des Wanderers befand sich im Inneren des Waldes jedoch das Schloss Maurice, in welchem er die graue Hexe vermutete und nichts wünschte er sich mehr, als ihr zu begegnen. Doch dazu musste er den Wald durchqueren.

 

Der Verhüllte kehrt aus seinen Gedanken zurück und bemerkt, dass sie den Wald nun fast erreicht haben. Er weckt seinen gefiederten Kameraden und weist ihn an, das vor ihnen liegende Waldstück zu kontrollieren. Zu seiner Verwunderung erhebt sich die Krähe wortlos von seiner Schulter und fliegt in die ihm angewiesene Richtung. „Seltsam, normalerweise lässt er bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit einen bissigen Kommentar ab, aber im Moment scheint er genauso nervös zu sein, wie Ich.“

 

Samuel beendet seine Runde und kehrt mit einem krächzenden: „Alles ist ruhig.“ zu seinem Freund zurück. „Also zumindest habe Ich keine Herz oder Seelen fressenden Monster  erblicken können. Aber warum müssen wir da überhaupt hinein? Du weißt schon, dass es unser Todesurteil ist, wenn wir den Wald jetzt betreten? Hätte das nicht noch Zeit bis Morgen gehabt?“ Der Wanderer seufzt und antwortet: „Der alte Greis erzählte, dass die graue Hexe nicht nur die Zukunft vorhersagen könnte, sondern auch in der Lage wäre, einem einen Wunsch zu gewähren.“ „Einen Wunsch?“ wiederholte die Krähe spöttisch: „Was willst Du Dir denn wünschen? Etwa noch mehr Brüste, die nackt um Dich herum tanzen?“ Doch der Wanderer ignoriert die Bemerkung und setzt vorsichtig einen ersten Schritt in den Wald hinein.

 

Keiner von Beiden wagt es auch nur ein Wort zu sprechen.

 

Stumm setzt der Wanderer einen Fuß vor den Anderen und wagt sich immer tiefer in den ‚Wald des Todes‘, während Samuel mit seinen scharfen Augen durch die Dunkelheit späht, um mögliche Feinde zu entdecken. „Kommen dir die Bäume nicht auch irgendwie seltsam vor?“ fragt er seinen gefiederten Gefährten: „Mir kommt es vor, als würden sie uns die ganze Zeit anstarren.“ Doch ehe ihm der Geflügelte antworten kann, legt sich etwas um das Bein des Verhüllten und reißt ihn kopfüber nach oben in die Luft. Von seinen Instinkten geleitet kann die Krähe gerade noch die Flucht ergreifen und schwingt sich in die Lüfte. Dem Wanderer, der im ersten Moment nicht weiß, wie ihm geschieht, entfleucht ein lautes „Hilfe!“, bevor der Schleier der Verwirrtheit vom Adrenalin seines Körpers durchstoßen wird und er wieder klar denken kann. Riesige Zähne in einem noch größerem Maul scheinen sich bedrohlich auf ihn zuzubewegen, um ihn zu verschlingen und erst jetzt wird ihm bewusst, dass er der Attacke eines Baumes zum Opfer gefallen sein muss, Strampelnd versucht er sein Schwert zu ergreifen und brüllt dabei in die Dunkelheit: „Samuel, hilf mir gefälligst!“ „Und wie? Soll Ich ihn zu Tode hacken?“ kommt die zynische Antwort der Krähe. „Oh, Du undankbarer, kleiner…“ zischt der Wanderer fluchend, während er weiterhin verzweifelt versucht an sein Schwert zu gelangen. Doch der Baum lässt ihn plötzlich los und der schwarze Wanderer landet unsanft auf seinem Hintern. Irritiert blickt er auf den Baum, der nun wieder wie jeder andere Baum aussieht.

 

Dann vernimmt er ein kurzes Lachen hinter sich.

 

Vom Adrenalin gepusht, dreht er sich mit dem Schwert in der Hand nun dem Gelächter zu und blickt überraschenderweise in das Antlitz einer schönen blond-haarigen Frau in einem samt-schwarzem Kleid. Er will sein Schwert schon senken, als er die glänzenden Hörner auf ihrem Kopf bemerkt. Wieder richtet er die Spitze des geschmiedeten Stahls auf ihren Leib. „Komm mir ja nicht zu nahe!“ Der Blondine entfährt ein weiterer Lacher. „Und was, wenn Ich es doch tue?“, fragt sie provozierend: „Willst Du deine Retterin dann etwa töten?“ Eine schnelle Handbewegung ihrerseits und einer der Äste reißt ihm das Schwert aus der Hand, so dass er ihr nun schutzlos gegenüber steht. Die Blonde setzt ihr schönstes Lächeln auf und spricht weiter: „Erst wart ihr auf der Suche nach mir und jetzt wollt ihr mir einfach meinen Lebensatem rauben?“ Erneut erklingt ihr schroffes Lachen, das die Wut des Wanderers allmählich nach oben treibt, doch eh er etwas erwidern kann, vernimmt er die krächzende Stimme Samuels, der sich auf dem Baum hinter ihm nieder gelassen hat: „Wow, da hast du dir aber eine schöne Frau angelacht. Und dazu noch eine, die dir die Stirn bieten kann. Ich muss schon sagen, die Kleine hat echt Feu…“ Eine Lianenranke wickelt sich wie ein grünes Band um den Schnabel des Gefiederten, woraufhin der Wanderer in schallendes Gelächter ausbricht und sich mit einer Verbeugung bei seiner Retterin bedankt. „Ihr seid also die Hellseherin, von der alle Welt spricht?“ Die junge Frau beantwortet seine Frage mit einem Lächeln und zeigt stumm in das Waldesinnere.

 

Wortlos folgt er der bezaubernden Hexe und auch Samuel, dem sie die Schlinge gnädigerweise wieder abgenommen hatte, ließ nicht den leisesten Ton verlauten. „Vielleicht hat er ja dieses Mal seine Lektion gelernt.“ geht es dem Wanderer durch den Kopf.

 

Er will seine teuflische Retterin gerade fragen, wohin ihr Weg sie denn führe, als das Licht des Mondes auf einen alte hölzerne Pferdekutsche fällt, die ohne Ross und Reiter inmitten der kahlen Eichen und Linden steht. Galant weist sie die Tür mit einer Handbewegung an sich zu öffnen, gleitet wie von Zauberhand getragen in die Kutsche hinein und bittet den Wanderer freundlich ihr zu folgen. Dieser lässt sich natürlich nicht lange bitten und betritt die sporadisch eingerichtete Karre. Lediglich zwei Stühle stehen neben einem kleinem Tisch, auf dem eine Glaskugel inmitten dutzender Tarotkarten platziert ist. Er zieht die silberne Karte aus der Tasche seines Mantels und vergleicht sie mit den Karten, die auf dem runden Tisch liegen. „Ja, auch diese kommt aus meinem Bestand.“ antwortet ihm die Hexe, bevor er seine Frage stellen kann. „Und so wie es aussieht, hat diese Frau ihr Schicksal erfüllt.“ Sie schnippt mit den Fingern und die Silberkarte entschwindet seiner Hand, um auf dem Holztischchen wieder aufzutauchen.

 

„Von welchem Schicksal sprecht ihr?“ will er wissen. Die blonde Hexe schenkt ihm ein Lächeln und bittet ihn auf dem zweiten Stuhl Platz zu nehmen. „Jeder, der zu mir kommt, trägt einen Wunsch in seinem Herzen. Ich erfülle ihnen, was sie begehren, doch jeder Wunsch hat seinen Preis.“ Sie nimmt eine Karte vom Tisch und hält sie dem Wanderer vors Gesicht. Er blickt darauf und erkennt unter dem groß geschriebenem Wort Wort ‚Anima‘ eine Frau, die von blauem Feuer verhüllt wird. „Und dieser Preis ist die Seele.“ Der Wanderer lacht düster und spricht: „Soll das heißen, dass Ich sterbe, wenn Du meinen Wunsch erfüllt hast?“ „Nein, Du stirbst nur, wenn Du versuchst gegen dein Schicksal zu kämpfen.“ Der Blick des Verhüllten verfinstert sich. Er mag es nicht, wenn man mit ihm spielt. Die Hexe versteht und spricht lächelnd weiter: „Wenn Du Dich dem Schicksal, dass Ich Dir vorhersage, nicht entgegen stellst, dann wird sich dein Wunsch erfüllen.“

 

Still beobachtet der Maskierte, wie sie die silbernen Karten vom Tisch hebt, mit Hilfe ihrer magischen Fähigkeiten mischt und verdeckt auf dem hölzernen Tisch austeilt. Erst jetzt bricht Samuel sein Schweigen und krächzt: „Willst du das wirklich tun? Wer weiß, was für ein Schicksal sie dir zugedacht hat.“ Doch der schwarze Wanderer ignoriert die Einwände seines Gefährten und wartet stumm darauf, dass das Hexenweib wieder das Wort an ihn richtet. Die Krähe schüttelt ihren Kopf und springt von seiner Schulter auf einen kleinen Ast, der heimlich und auf magische Weise durch das Fenster der Kutsche hinein wächst.

 

Nach einem Moment der Stille spricht die Blonde: „Ich werde jetzt die zwei Karten ziehen, die dein Schicksal präsentieren werden.“ Böse lächelnd wählt sie die Karten aus, dreht sie herum und er blickt auf die silberne Karte, die er in den Überresten der verbrannten Frau gefunden hatte und auf einen Mann mit einem roten Umhang, der an einem Tisch magische Rituale durchführt

 

Die erste und die dreizehnte Karte.

Der Magier und der Tod.

 

Er will gerade das Wort an die Hexe richten und fragen, was es mit den Karten auf sich hat, als sein gefiederter Freund hinter ihm ein verzweifeltes Krächzen von sich gibt. Der Wanderer wirbelt herum und sieht, wie sich eine hölzerne Schlinge um den Hals seines Gefährte gelegt hat. „Was soll das?“ heischt er die Magische an. „Lass ihn sofort los!“ Er will über den Tisch springen und sie ergreifen, doch weitere hölzerne Arme wachsen in den Wagen hinein, umschlingen seine Arme und halten ihn fest. Die Alte lacht nur hämisch. „Dein Schicksal wird sich erfüllen und dein Wunsch wird Dir gewehrt werden, aber bedenke, dass deine Seele nun mir gehört.“ Und der Wanderer schreit, während er verzweifelt versucht sich aus den hölzernen Griffen zu befreien: „Warum Schicksal? Welches Schicksal? Ich habe euch meinen Wunsch doch gar nicht genannt!“ „Das brauchst Du auch nicht. Die magischen Karten kennen deinen sehnlichsten Wunsch und sie waren es auch, die dein Schicksal  bestimmt haben!“ Dann sie bricht sie in diabolisches Gelächter aus, die Welt dreht sich vor seinen Augen und er versinkt in einem Strudel der Finsternis…

 

Schweißgebadet erwacht er inmitten zweier nackter Dirnen, die friedlich an seiner Seite schlafen. Erleichtert presst er die Luft aus seinem angespannten Körper. „Es war zum Glück nur ein böser Traum.“ Vorsichtig erhebt er sich aus dem Bett, bindet ein Tuch um seine nackte Hüfte und tritt nach draußen auf den weißen Balkon. Auch sein treuer Gefährte schlummert noch tief und fest auf dem Ast, den er vor geraumer Zeit an der Wand angebracht hatte. Er lässt seinen Blick für einen Moment über die schlafende Stadt schweifen und geht dann zurück in sein Zimmer, als er auf etwas kühles tritt. Er hebt seinen Fuß, sieht zu Boden und blickt auf die silberne Karte des Todes…

Credits:

Lektorat: Alexander Alex/ Dark Xperience:
Photographe: Jan Holte Teller http://teller.zenfolio.com/
Model: Maria Amanda FB: http://goo.gl/OF4nrf
Digital Art by Denis Fischer/Raven-Art www.corvusars.de

 

 

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